Ein weißer Mensch ist Gott näher

Mein Schatz und ich sind zum Markt gefahren um Obst zu kaufen. Wir standen vor einem Haufen voll herrlicher Früchte mitten in der überfüllten und hektischen Stadt Margao und baten um ein Kilo Weintrauben.

Nun passierte etwas, was wir in diesem halben Jahr Indien schon sehr oft erlebt haben. Wir sind dran und ein Goaner drängelt sich vor.

Jeden Tag drängeln sich die goanischen Hausfrauen vor, wenn ich am Gemüsestand stehe. Sie sind stark, schubsen Dich beiseite, rammen Dir den Einkaufskorb in die Beine und schauen Dich teilweise noch frech an.

Am Anfang war ich einfach nur irritiert und schüchtern….dachte ich versteh die indischen Regeln nicht…wollte nicht herumzicken….Ich war ja schließlich Gast in ihrem Land.

Nach einer Weile begriff ich aber, daß das reine Unhöflichkeit und fehlender Respekt war und fing an mir das nicht mehr gefallen zu lassen. Ich boxte jetzt auch weg und Maschas bösen Blick will niemand erleben….und natürlich war es auch hilfreich, daß ich locker
einen halben Meter größer bin als die.

Nun war es also wieder soweit. Wir waren dran und Mann im sauberen Anzug drängelt vor. Ich merkte das schon gar nicht mehr, aber mein Freund wollte sich das nicht mehr gefallen lassen.

Er fragte den Herrn wütend warum er sich vordrängelt und dieser verstand gar nicht was los war. Er meinte, daß er ruhig vor uns bedient werden könnte, warum wir meinen ein Vorrecht zu haben. Mein Freund erklärte, daß es darum ging, daß wir vorher hier waren und daher auch als erstes bedient werden müssen.

Der Goaner wurde böse, fing wild an mit der Hand zu fuchteln und meinte, daß wir wohl meinen uns alles erlauben zu können. Erst Kolonialherr spielen und jetzt sich aufspielen nur weil wir weiß sind.

Ich habe gedacht ich höre nicht richtig. Das dachte er? Und wohlmöglich auch die anderen Inder? Die denken, daß wir meinen Sonderrechte zu haben, weil wir weiß sind?!

Mein Freund versuchte dem aufgebrachten Mann zu erklären, daß es nicht DARUM ging, sondern um Benimmregeln, die absolut nichts mit Rassenlehre zu tun haben.

Ich musste mich kurz von der hitzigen Debatte entfernen, da ich sah, daß unser Obstverkäufer die Gunst der Stunde nutzen wollte und versuchte alte Trauben in unseren Beutel zu stopfen….zudem fiel ihm noch ein ganzer Strunk Trauben auf die schmutzige Straße, was ihn nicht davon abhielt diesen auch in unsere Tasche zu packen. Ich habe ihm erstmal klar gemacht, daß das nicht funktioniert. Bekamen dann ohne Protest neue und schönere Exemplare.

Als ich mich wieder der lauten Diskussion zuwandte, hörte ich, daß der Vordrängler uns beschimpfte als Menschen mit schlechten Manieren, die meinen sich alles erlauben zu können wegen der weißen Hautfarbe. Und er wüsste auch, daß wir uns so überlegen fühlen würden, weil wir als Weiße meinen näher an Gott zu sein.

Nun waren wir beide sprachlos.

Wir versuchten nochmal dem Herrn zu erklären, daß er da wohl etwas in den falschen Hals bekommen hat, aber ohne Erfolg. Also gingen wir aufgebracht und irritiert zu unserem Moped.

Als wir dann in einem Lebensmittelladen standen, trafen wir auf Bernd, ein ältere kleiner Herr aus Köln. Wir erzählten was vorgefallen ist und ihn überraschte das gar nicht. Hatte er doch auch schon solche Gespräche geführt. Als er an der Kasse stand, kamen wir dazu und stellten unsere Waren vor ihm auf den Verkaufstisch. Die Verkäuferin fing an unsere Waren einzutippen…Bernd wäre aber eigentlich dran gewesen….

Ich so: Ups….ist wohl der goanische Weg…

Bernd: Bin das schon gewöhnt.

Mein Freund trocken: Ich sehe das so…ich bin um einiges größer als Bernd…und Wiener, er Rheinländer und Zwerg, also müsste ich näher zum Himmel, also auch zu Gott sein…ergo…ich komme vor Bernd dran.

Wir lachten alle.

….trotz des Humors hat mich dieser Vorfall nachdenklich gestimmt….

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20 Gedanken zu “Ein weißer Mensch ist Gott näher

  1. Ob Landsmann, -frau oder Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde. Unhöflichkeit gehört sich nicht. Da muß man entsprechend reagieren, unabhängig von dessen/ derer Herkunft! Richtig Mascha, setzt Euch da durch. Ihr seid da nicht weniger, aber auch nicht mehr wert als andere…

      • Nein. Egal ob Weiße, Schwarze, Rote, Gelbe-
        Rechte und Pflichten sind die selben.
        Ich bin unhöflich gleichermaßen gegen Kolleg(inn)en, die meinen andere für sich arbeiten lassen zu können unabhängig deren Herkunft. Ich bin froh, daß ich einige gute Bekannte aus verschiedensten Nationalitäten habe. Zu ihnen bin ich genau (nicht mehr oder weniger) so freundlich, wie zu den Einheimischen. Habe einige negative, aber mehr positivere Erfahrungen sammeln dürfen.

  2. Das gibts ja nicht! Ich finds gut, dass du dich da durchsetzt. Aber schade ist es schon, dass die Landsleute größtenteils so denken. Dennoch heißt es ja nicht, dass man sich deshalb so unhöflich benehmen darf. Man kann denken was man will, aber sollte dennoch die anderen mit Respekt behandeln. Wer zu erst kommt, mahlt zuerst. So.

  3. Solche Ressentiments kann man Menschen in Ländern mit einer Kolonialgeschichte irgendwie nicht verdenken. Und die Hautfarbe ändert unsere Wahrnehmung anderer Menschen. Das ist traurig, aber ich glaube, daß es so ist. Ein bißchen Rassist steckt in uns allen unterbewusst. Wie sonst lässt sich erklären, daß die Bilder von verhungernden Menschen in Afrika uns alle kollektiv kalt lassen?

    • Sicher hat jeder Mensch irgendwelche Voruteile, warum auch immer. Und ja….wir sind ziemlich abgestumpft. Mitleid und Hilfe für arme Kinder aus der 3. Welt lässt viele kalt….ich glaube, wir sind so mit uns selbst beschäftigt, daß wir gar nicht mehr nach rechts und links schauen.

  4. Mit diesem Herrn konnte man wohl nicht erwachsen und vernünftig reden? Weil er die Diskussion ja überhaupt nicht führte, sondern euch aufgrund dessen, dass ihr weiß seid, unhöflich behandelt hat. Er wollte wohl auch überhaupt nicht zuhören, sondern nur seinen Wut auf Europäer loswerden. Schade!

    • So kam es mir auch vor….hat nur mit der Hand herumgefuchtelt und uns kaum zu Wort gelassen…aber das war kein ungebildeter Mann….das hast Du an seinem Englisch gemerkt…das hat mich am meisten schockiert…wenn er schon so denkt, was sagen dann erst die „Primitiven“?

    • Nein, das Foto ist nicht von mir. Aber ich finde es zeigt gut den Kampf zwischen Weiß und Schwarz 😉 Ich wünsche Dir einen traumhaften Sonntag 😀

  5. macht der gewohnheit!
    der goaner drängelt sich wohl immer vor, für ihn ist das ganz natürlich. und das von früher gewohnte bild der weissen kolonialherren herrscht auch noch vor.

    dass ihr zwei euch dann vor bernd drängelt, ist wohl auch unbewusst übernommen worden… und was sagt er? „ich bin es mir gewohnt“… 😉

    liebe grüsse,
    aprikose

  6. „tinyentropy

    März 10, 2012 um 12:41 pm
    Solche Ressentiments kann man Menschen in Ländern mit einer Kolonialgeschichte irgendwie nicht verdenken. Und die Hautfarbe ändert unsere Wahrnehmung anderer Menschen. Das ist traurig, aber ich glaube, daß es so ist. Ein bißchen Rassist steckt in uns allen unterbewusst [..]“ – stimmt, da ist was wahres dran.

    Leider gibt es Vorurteile auf beiden Seiten. – Schade, dass ihr – sowohl der Goaner, als auch dein Freund und du – nicht ruhig geblieben, sondern laut geworden seid. Mit Ruhe und Gelassenheit geht alles einfacher im Leben.

    VhG

    Andrea

  7. @Mascha

    Ok, das ist dann was anderes.

    Na dann will ich mir’s gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn du auch laut geworden wärst. Dann hätte man das alles womöglich bis nach Europa gehört. (;) ).

    VhG

    Andrea

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