Trost geben = Mensch sein

Gestern Abend stand ich an der Haltestelle und wartete auf den Bus.

Plötzlich hörte ich eine weinerliche Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und sah eine junge, hübsche Frau mit einem Handy am Ohr auf die Haltestelle zugehen.

„Was hätte ich denn machen sollen?“ fragte sie mit Tränen in den Augen in das Handy.

Sie schaute auf den Busplan, nickte, wischte sich eine Träne weg und sagte wieder: „Ja, aber was hätte ich denn machen sollen?“

Ihr Gesprächspartner legte dann wohl einfach auf,  da sie plötzlich das Handy vom Ohr nahm und noch trauriger drauf schaute.

Dann stellte sie sich in eine Ecke der Haltstelle und tupfte mit einem Taschentuch ihre Tränen weg.

Als ich da so stand, hatte ich irgendwie das Bedürfnis zu ihr rüberzugehen und sie zu trösten.

Ich wollte zu ihr gehen und fragen was los ist.

Aber dann dachte ich, daß das evtl. ein Eingriff in ihre Privatsphäre wäre.

Vielleicht will sie nicht, daß Fremde sie an der Haltestelle anquatschen. Wohlmöglich wäre es ihr unangenehm.

Dann überlegte ich, ob ich wollen würde, daß jemand einfach auf mich zukommt und mich tröstet.

Meine Entscheidung über trösten und nicht trösten wurde dann vom ankommenden Bus abgenommen.

Ist Trost geben nicht menschlich? Aber warum hat niemand an der  Haltestelle reagiert….einschließlich ich?

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15 Gedanken zu “Trost geben = Mensch sein

  1. Also, dass niemand reagiert hat, ist quasi ein ganz „normales“ Phänomen: Jeder hat Angst, aus der Masse auszubrechen; alle verhalten sich konform zur Masse, und so lange eben nicht einer ausbricht, wird sich auch kein anderer rühren. Und da die wenigsten Menschen den Mumm haben, diesen ersten Schritt zu machen…tja. ;-/
    (Das ist dann auch der Grund, weswegen jemand blutend am Boden liegen kann und alle vorbei latschen. Oder jemand in der Bahn zusammengeprügelt oder Schlimmeres wird, aber „keiner was gemerkt“ hat. Wobei im letzteren Fall dann noch Angst um die eigene Haut hinzu kommt, und das Verhalten nochmal verstärkt.)

    Ich hätte mir übrigens die gleichen Gedanken gemacht, wie Du. Wir Menschen sind so festgefahren in dieser „Achtung der Privatsphäre anderer“ und diesem anerzogenen „Da mischen wir uns nicht ein“, dass man in solchen Situationen wie erstarrt ist, und schwankt zwischen Menschlichkeit und der anerzogenen Distanz zu Fremden.

    • Ja, da hast du absolut recht, hijackinthebox!

      Genau so ist es! Ich zögere auch immer lange in solchen Situationen, springe dann aber über meinen Schatten. Weil die Betroffenen meistens genauso zurückhaltend und distanziert sind, lehnen sie Hilfe häufig ab. Darum geht es mir dann aber gar nicht mehr, sondern darum, dass ich es angeboten habe und dass ich gezeigt habe, dass ich Anteil nehme. Denn wie du richtig sagst, liebe Mascha, sind wir alle Menschen. Da ist keine Wand zwischen uns oder ein Kommunikationsverbot mit Fremden.

      Dass du noch so lange über die Begegnung nachdenkst zeigt, dass sie dich berührt hast und dass du schon näher am „etwas tun“ dran warst als andere. Sie wurde dir geschickt und die nächste Gelegenheit kommt bestimmt. Dann gibst du dir den Ruck für eine bessere Welt! ❤

  2. Genau das selbe habe ich mir auch einmal gedacht, liebe Mascha. Es ist schwierig eine richtige Entscheidung zu treffen, eben weil die Person vielleicht gar nicht angesprochen werden möchte, weil es ihr unangenehm sein könnte. Dennoch denke ich, dass man mutig sein und Hilfe anbieten sollte. Wer weiß, vielleicht bist DU gerade in diesem Moment die Person, die die beste Unterstützung anbieten kann. Wir Menschen leben in einer Gesellschaft, aber die Frage ist, ob wir auch MIT ihr leben. Und ich finde, dass wir ruhig mehr in Verbindung miteinander stehen könnten, als nebeneinander.

    • Guten Morgen Bahar. Ich hätte mutiger sein sollen. Ich hätte den ersten Schritt machen müssen. Aber bekanntlich ist der erste Schritt der schwerste. Aber ich werde an mir arbeiten 🙂

  3. Mit normaler Zivilcourage hat ein Eingreifen in diesem Fall nichts zu tun. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich irgendwo weinend sitzen würde und sich ein Fremder meiner annähme. Solche Situationen sind ungewöhnlich und Menschen unterschiedlich. Die einen wären dankbar, würden sich den Schmerz von der Seele reden – es täte ihnen gut. Die anderen aber sind lieber verschlossen, lieber für sich alleine, blocken alles ab. Wer allerdings alles abblockt, lässt sich in der Öffentlichkeit in der Regel keinen Schmerz ansehen. Wer so am Boden ist, dass er in der Öffentlichkeit weint, blockt vielleicht nicht unbedingt ab. Irgendwie tut es ja auch gut zu wissen, dass man wahrgenommen wird. Es gäbe vielleicht ein gutes Gefühl.

    Auch wenn diese Situationen so alltäglich erscheinen, so kommen sie uns nicht jeden Tag unter. Umso schwerer ist es richtig zu reagieren – wie reagiert man in einer Welt richtig, in der „richtiges“ Verhalten anerzogen wird? Es wäre sicher menschlich, zu diesen Menschen zu gehen und Hilfe anzubieten, aber unsere Menschlichkeit wird oft durch unsere Erziehung gehemmt, Stichwort Privatsphäre. Ich glaube, dass die meisten so reagiert hätten wie du. Man möchte dem Menschen auch nicht zu nahe treten. Wenn ihm das unangenehm wäre, dass man nachfragt, ist es sogar menschlicher, nicht nachzufragen. Wer nicht handelt, handelt nicht unbedingt falsch. Aber manchmal ist das Nichthandeln das falscheste. Eine sehr schwere Situation, wirklich.

    • Guten Morgen Gedankenfest!! Sehr schöner Kommentar. Du hast meine Gedanken richtig erfasst. Ich bin erleichtert, daß ich nicht die einizge bin, die darüber nachdenkt.

  4. Ich bin auch einmal heulend durch die Gegend gelaufen. Da war ich wohl so 15 Jahre alt. Eine erwachsene Frau (ich denke, Spanierin oder Mexikanerin) ist einfach auf mich zugekommen und hat gesagt „Mädchen, es wird alles wieder gut!“ Fälschlicherweise ging sie davon aus, dass ich wegen einem Jungen geweint habe, und meinte, der Typ sei selber schuld, so einem netten hübschen Mädchen weh zu tun, sie hat mich ne gute Viertelstunde getröstet. Ich denke doch noch oft an diese Situation. Es gab mir ein gutes Gefühl, dass nicht alle Menschen gleichgültig sind. Allerdings sind wir natürlich nicht so offen erzogen worden, wie diese spanischsprachige Frau. Ich habe für mich den Kompromiss gefunden, in solch einer Situation einfach ein Taschentuch zu reichen (konnte ich bisher glatt 2x anwenden… so oft sieht man niemanden Weinen). Das gibt das richtige Signal, und die Person hat die Möglichkeit, sich bei einem Fremden auszusprechen, was auch mal guttut. Und wenn die Person das nicht möchte, gibt es ihr hoffentlich das Gefühl, dass nicht alle Menschen gleichgültig sind. Und es ist nicht so, dass man mit dieser Geste in die Privatsphäre eingreift oder die Person unangemessen bedrängt. Es ist zurückhaltend und dezent, aber nicht untätig. Ich fühle mich wohl mit dieser Entscheidung, und die Reaktionen der beiden Weinenden waren auch positiv.

    • Eine schöne Erinnerung. Eine Fremde hat Dich getröstet. Das zeigt mir wieder das Menschliche auf der Welt. Ich finde die Idee gut einfach ein Taschentuch zu reichen. So eine Geste sagt mehr als 1000 Worte.

  5. Puh, ich kann deinen Gedankengang so sehr nachvollziehen. Gestern war ich in einer ähnlichen Situation.
    Im Wartezimmer der Tierklinik habe ich mich kurz mit einer Frau unterhalten, die auch ihre Katze dabei hatte, weil sich die Hornhaut vom Auge des armen Tieres langsam abzulösen begonnen hat.

    Sie sagte noch, dass das Schlimmste, was passieren könnte wirklich wäre, dass sie das Auge rausnehmen müssten. Aber das könne sie sich eigentlich nicht vorstellen, weil es ja gerade erst beginnt und man eine andere Möglichkeit finden kann.

    Als die Frau weinend aus dem Behandlungsraum wieder rauskam – ohne Katze – war klar, dass irgendetwas Schlimmes passiert sein musste. Sie kam auch auf mich zu und hat mir gesagt, dass sie die Katze dabehalten, um ihr das Auge zu entfernen.
    Aus ihr hat einfach so viel Traurigkeit und Angst um das Haustier gesprochen, dass ich meine Berührungsängste über Bord geworfen und sie in den Arm genommen habe. Das war ein ziemlich seltsames Gefühl eine fremde Person zu trösten. Und in den Sekundenbruchteilen, die die Bewgung hin zu ihr gedauert hat, habe ich bestimmt 4x gedacht „Vielleicht macht es das schlimmer! Vielleicht ist ihr das unangenehm! Vielleicht will sie das nicht!“. Aber es war genau das Richtige ….

  6. was für wunderbare Überlegungen – ja das mit dem Taschentuch hab ich auch für mich als den ersten Schritt gewählt, einfach hinhalten. Wenn sie oder er längst selbst ein Taschentuch zur Hand hat dann hab ich schon mal gesagt, es tut mir leid, dass Sie so traurig sind – es wäre sehr schön, wenn ich etwas für sie tun könnte. Oft kam dann nur ein Kopfschütteln – ich sagte dann, dass ich in der Nähe bleibe, falls es ja doch etwas gäbe. Es war auch mal auf einem Basar – da hab ich gefragt, ob ich ihr einen Kaffee oder Tee holen dürfte….. Mir helfen dann manchmal so ganz „normale“ Handlungen um in Kontakt zu kommen. Schwierig ist es immer, auch für mich. Aber hier bei den Kommentaren zu sehen, wie viele doch betroffen sind von solchen Situation macht doch viel Mut – Danke Euch allen….

  7. Liebe Mascha,

    man sollte sich nicht so viele Gedanken machen. Das Angebot zählt. Ob es derjenige annimmt oder nicht ist seine Sache. Das erfährt man aber erst, wenn man das Angebot macht. Manche Menschen freuen sich auch über die spontane Anteilnahme.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Harald

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